Geschichte

Christoph Wilhelm Carl Freiherr Kress von Kressenstein, der damalige Schloßherr Neunhofs hat mit dieser am 20. September 1825 erlassenen Bekanntmachung, eine alte Tradition in Neunhof wieder neu ins Leben gerufen.

Bekanntmachung:
I. Die Preisbewerber sind alle eingeborenen Burschen, welche das 18. Lebensjahr erreicht haben und darüber, sie mögen Söhne der Bauern, Köbler oder Inwohner sein, wenn sie nur in Neunhof geboren sind.
II. Fremde Dienstknechte dürfen nur dann um den Preis mit konkurrieren, wenn sie drei Jahre lang ununterbrochen bei einem und demselben Dienstherren zu Neunhof gedient haben und von demselben ein Zeugnis ihres Wohlverhaltens beibringen können.
III. Der Preis wird abends um halb 5 Uhr im feierlichen Zuge der Tänzer im Schloß abgeholt und die Tänzer erhalten ein Rütchen, welches jeder, wenn er an das vorgesteckte Zeichen kommt, ohne Aufenthalt an seinen Nachfolger abgibt. Wer bei einem durch eine brennende Lunte erfolgten Pistolenschuß das Rütchen in der Hand hat, ist der Preißträger.
IV. Sollte sich ereignen, daß im Augenblick des Wechselns die Pistole losgeht und der Preisträger ungewiß ist, so entscheidet das Los.
V. Der Tanz wird auf dem Biesing im GesichtsPunkte des Schlosses aufgeführt.
VI. Der Gemeindeausschuß, welchem die Leitung und Anordnung des Volksfestes hiermit übertragen wird, sorgt für die Erhaltung der Ordnung und pflanzt einen MaienBaum, welcher nach 4 Wochen, gegen Bezahlung des Waldpfandes an das Schloßamt, Eigentum der Gemeinde wird.
VII. Der Gemeinde Vorstand nimmt nach beendetem Tanze die Pistole sogleich in Verwahrung, weil das bekannte Verbot des Schießens auch an diesem Tage, wie jedejede Zeit, in Wirksamkeit bleibt.
VIII. Von der Dorfjugend läßt sich mit Recht erwarten, daß sie bei dieser zu ihrem Vergnügen angeordneten Feierlichkeit das lobenswerte Betragen aufs neue bewähren wird, wodurch sie schon bei früheren Gelegenheiten die Zufriedenheit der Gutsherrschaft erworben hat, indem dieselbe wohl erwägen wird, daß Sittsamkeit, Bescheidenheit, und jugendlicher Frohsinn bei Jedermann mehr Beifall findet als wilde Lust und ungestümes Toben und Lärmen, welches weder der Urhebern noch den Anwesenden wahre Freude machen kann.


Erste Heimat des Oberndorfes - Gasthaus zum weißen Lamm (Flachenecker)

Erste Heimat des Oberndorfes - Gasthaus zum weißen Lamm (Flachenecker)



Aus dem "Heimatboten"

Die Kirchweih in Franken zählt zu den größten und wichtigsten Fest im Jahreslauf eines Dorfes. Von Mai bis in den Herbst wird immer im Umkreis "Kärwa" gefeiert. Die Tradition des Kirchweih-Feierns reicht weit zurück. Kein geringerer als Albrecht Dürer hat in seinen Zeichnung einen Tanz um einen Kirchweihbaum festgehalten. Besonders in der Zeit nach 1850 scheint die Lust zum Feiern sehr groß gewesen zu sein. So auch in Neunhof, das im Norden Nürnbergs liegt und heute in die Stadt eingemeindet ist.

Am 20. September 1825 hat der damalige Schlossherr Neunhofs, Christoph Wilhelm Carl Freiherr Kress von Kressenstein ist einem Erlass die alte Tradition in Neunhof wiederum ins Leben gerufen.

Auszüge aus dem damaligen Erlass: I. Die Preisbewerber sind alle eingeborenen Burschen, welche das 18. Lebensjahr erreicht haben und darüber, sie mögen Söhne der Bauern, Köhler oder Inwohner sein, wenn sie nur in Neunhof geboren sind. II. Fremde Dienstknechte dürfen nur dann um den Preis mit konkurrieren, wenn sie drei Jahre lang ununterbrochen bei einem und demselben Dienstherren zu Neunhof gedient haben und von demselben ein Zeugnis ihres Wohlverhaltens beibringen können. III. Der Preis wird abends um halb 5 Uhr im feierlichen Zuge der Tänzer im Schloss abgeholt und die Tänzer erhalten ein Rütchen, welches jeder, wenn er an das vorgesteckte Zeichen kommt, ohne Aufenthalt an seien Nachfolger abgibt. Wer bei einem durch die brennende Lunte erfolgten Pistolenschuss das Rütchen in der Hand hat, ist der Preisträger. IV. ...

Die Tradition der Kirchweih verbindet im Nürnberger Raum seit mehreren hundert Jahren kirchliche und heidnische Elemente mit gewachsenem Brauchtum. Ursprünglich war diese ein Fest zu Ehren des Schutzpatrons der Kirche, zu der die Gemeinde gehörte; ein rein kirchliches Fest, das nach der Reformation auch auf die evangelischen Kirchen übergegangen ist. Erst später wurde in den katholischen Gegenden dieser Jahrestag auf einen Tag im Herbst zusammengefasst. Schon bald gliederte sich dem Kirchenfest ein Volksfest an; Buden, in denen allerlei Kram zum Kauf angeboten wurde, kurzweilige Spiele, Gaukler, die ihre Kunststücke zeigten und in Gasthäusern erfreute man sich der Speisen und vor allem des Trankes.

Ein Relikt aus heidnischen Zeiten ist wohl das Aufstellen eines Kirchweihbaumes. Schon in frühen Abbildungen Neunhofs ragt ein Kirchweihbaum in der Dorfmitte heraus. Als Chr. Wilhelm Kress die Neunhof Kirchweih stiftete, konnte er nicht ahnen, welchen Anklang dieses Fest bis in unsere heutige Zeit findet.

In den vergangen 175 Jahren wurde der Ablauf des Festes immer wieder geändert. Die Höhepunkte, wie das Aufstellen eines Kirchweihbaumes, ein Umzug und Austanzen eines Preises blieben bis heute erhalten. Der Preis, ursprünglich ein von der Schlossherrschaft gestiftetes Kalb, wurde mittlerweile durch einen Betzen, ein Schaf, ersetzt. Zu Jubliläumskirchweihen (alle 25 Jahre) wird zusätzlich ein Kalb ausgetanzt. Ein Ereignis, das für die Entwicklung der Neunhöfer Kirchweih von besonderer Bedeutung war, ist die Bildung zweier Kirchweihgruppen. Seit der Spaltung in ein "Oberes" und ein "Unteres" Dorf führen jeweils die drei ersten Platzgesellen die Kirchweih an. Die Kirchweih beginnt lange vor dem eigentlichen Festwochenende, dem 2. Sonntag im September. Schon Anfang des Jahres wird geplant, selbstverständlich streng getrennt im Oberen und Unteren Dorf. In Kärwaversammlungen wird beraten, wie der Umzug ausgeführt werden soll; Wochen vor dem Fest wird jeden Abend für den Festzug gebaut.

Am "Kärwa-Freitag" findet dann die Eröffnung mit dem Bieranstich statt.

Der erste Höhepunkt ist am Samstag das Einholen der Kirchweihbäume. Ursprünglich aus dem Besitztum des Schlosses, werden die Bäume aus dem umliegenden Reichswald ausgesucht. Gegen Mittag fahren die Kärwaburschen vor das Wirtshaus der "Unteren". Dort wird "ausgesungen", ein Wettsingen der beiden Gruppen, bei dem nur die Lautstärke, nicht die Schönheit und der Gesang der Liedla entscheidet. Man geht aber nicht im Streit auseinander. Zum Abschluss singen alle wieder gemeinsam. Danach werden die geschmückten Bäume nach der alten Tradition und mit Muskelkraft aufgestellt. Der Sonntag ist geprägt von den Umzügen des Unteren und Oberen Dorfes, die sich am Nachmittag durchs Dorf schlängeln. Zwei Umzüge, von denen ja jeder der beste und schönste sein will, beherrschen das Geschehen. Sie sind ein Sinnbild von Höchstleistungen, Fantasie, Kreativität und handwerklicher Kunst. Auf einer großen Anzahl von Wagen werden verschieden Motive zur Schau gestellt und Szenen des alltäglichen und besonders des politischen Lebens karikiert. Blumen- und Musikwagen bilden einen Höhepunkt. Mit besonderer Spannung werden aber die Nummern erwartet, die Ereignisse des vergangenen Jahres aufs Korn nehmen. Liebe zum Detail, Fantasie und eine zugehörige Portion schauspielerisches Talent sind dafür notwendig.

Der Montag ist traditioneller Höhepunkt der Kirchweih. Bis heute ist der der eigentliche Festtag in Neunhof. Er wird mit besonders ausgelassener Stimmung begangen, da der noch am Vortag auf den Schulter lastende Druck über das Gelingen des Umzugs genommen ist. Wie an den Vortagen läuft auch dieser Tag für beide Dorfhälften getrennt: Begonnen wird mit einem Weckruf, bei dem die Kärwaburschen mit etwas heiseren Stimmen durchs Dorf ziehen. Als Vorgeschamck für den am Nachmittag stattfindenden Betzentanz wird vor dem Frühschoppen eine Gans ausgetanzt. Hier darf jeder mitmachen. Der Gewinner wird ausgelost. Die Gans wird dann mit Musik zum Gewinner gespielt und den Tänzern und Zuschauern begleitet. Beim Gansgewinner stärkt man sich mit einem kurzem Umtrunk. Nahtlos schließt sich der Frühschoppen an. Untermalt von Blasmusik mit Witzen, alle über der Gürtellinie, wenn man diese nur kurz über den Fußknöcheln trägt, dauert dieser bis in den späten Mittag. Nun folgen die Vorbereitungen zum Betzentanz. Die Platzgesellen tragen die Tracht, die anderen Kirchweihburschen weißes Hemd, schwarze Hose und natürlichen einen mit Blumenstrauß geschmückten Kärwahut. Die Mädchen ziehen ebenfalls die Tracht an, die Mädchen der Platzgesellen mit Bänderhaube. Die Oberen und die unteren ziehen durchs Dorf und holen jeweils ihre Mädchen mit Musik ab. Bei den Oberen wird der geschmückte Betz erst bei der Schlossherrschaft abgeholt und zieht mit der Musik durchs Dorf, die Unteren holen den Betz zum Schluss ab. Mit den Betzen voran ziehen die Gruppen nun zum jeweiligen Kärwabaum, wo der Betzentanz stattfindet.

Die Kärwaboum und ihre Madla schreiten oder tanzen um den Baum herum, wobei nacheinander jeder Bursche ein Kärwalied singt. Gleichzeitig wird eine Rute, ein mit Bänder und einem Tuch geschmückter Birkenast, herumgetragen und nach jeder Runde an das nächste Paar weitergegeben. Dasjenige Paar, das die Rute in der Hand hält, wenn der am Baum angenagelte Wecker rasselt, wird zum Sieger erkoren. An den Jubiläumskirchweihen alle 25 Jahre ziehen untere und obere Kirchweihburschen gemeinsam weiter zum extra dafür aufgestellten Baum in den Schlosspark, wo sie das Kalb austanzen.

Dem allen schließt sich ein Empfang im Schloss an. Gemeinsam ziehen beide Gruppen in den Schlosshof ein. Die Betzengewinner und die Platzgesellen werden in das Schloss geladen. Es folgen Ansprachen der Schlossherrschaft und von den Vertretern der hohen Politik an das im Schlosshof wartende Volk. Nach Ende des Empfanges teilen sich die Gruppen wieder auf ihre Dorfhälften auf. Jede Gruppe zieht zum Betzengewinner um mit diesem erst einmal zu feiern. Nach dem ereignisreichen Tag klingt die Kärwa am Abend in der jeweiligen Feststätte aus. Was ist der besondere Reiz dieser Kärwa? Wesentlich ist die erhalten gebliebene Kultur eines fränkischen Dorfes. Traditionen sind bis heute lebendig geblieben und haben die Zeiten mit maßvoller Anpassung überdauert. Die Kirchweih ist ein generationsübergreifendes Fest, des Gelingen von der Zusammenarbeit aller abhängt. Die Teilung des Dorfes in zwei Kirchweihgruppen ist eine Besonderheit und ein weiterer Garant für den Erfolg des Festes. Konkurrenz belebt das Geschäft und Globalisierung ist für die Neunhöfer diesbezüglich nicht erwünscht.

Dies alles lässt hoffnungsvoll für das Fortbestehen der Neunhof Kärwa in die Zukunft blicken...

Historisches Betzenaustanzen



Zur 175-jährigen Kirchweih

Aus der Festschrift zur 175 jährigen Kirchweih 2000

Die Tradition der Kirchweih verbindet im Nürnberger Raum seit mehreren hundert Jahren kirchliche und heidnische Elemente mit gewachsenem Brauchtum. Ursprünglich war diese ein Fest zu Ehren des Schutzpatrons der Kirche, zu der die Gemeinde gehörte. Die Kirchweih war, zunächst ein rein kirchliches Fest, das nach der Glaubensspaltung auch auf die evangelischen Kirchen übergegangen ist. Erst später wurde in den katholischen Gegenden dieser Jahrestag der Kirche zu einem gemeinsamen Jahrestag sämtlicher Kirchen zusammengefaßt. Schon bald gliederte sich dem Kirchenfest ein Volksfest an. Nach dem Gottesdienst waren Volksbelustigungen üblich, wobei Buden aufgestellt wurden, in denen es allerlei Kram zu kaufen gab. Kurzweilige Spiele wurden ausgeführt, Gaukler zeigten ihre Kunststücke und man erfreute sich in den Gasthäusern der Speisen und vor allem des Trankes. Mittelpunkt dieser Belustigungen war das Büchsenschießen, dessen Preis ein Goldgulden war, der Zusammen mit einem weißroten Fähnchen ausgeteilt wurde. Das Fest schloß mit einem Tanz der Jugend ab, der am Abend in einem Saale fortgesetzt wurde. Für den ordnungsgemäßen Ablauf des Festes sorgten die Platzknechte, die auf gemeinsame Rechnung das Bier besorgten und mit ihren Mädchen den Tanz eröffneten. Heidnischen Ursprungs war der Brauch des Begrabens und Ausgrabens der Kirchweih. Als ein Pferdeopfer wurde in mittelrheinischen Gegenden ein Pferdeschädel am Ende einer Kirchweih begraben und zu Beginn einer neuen Kirchweih wieder ausgegraben. Mit ihm wurde dann jauchzend zum Tanzplatz gezogen. In Neunhof hat sich dieser Brauch in Form eines Tonkruges erhalten. Schon in frühen Abbildungen von Neunhof sieht man aus der Dorfmitte den Kirchweihbaum herausragen. Auch er ist heidnischen Ursprungs.
Als Christoph Wilhelm von Kress die Krichweih in Neunhof stiftete konnte er nicht ahnen welchen Anklang dieses Fest bis in unsere heutige Zeit findet. In der damaligen Zeit waren die Menschen offensichtlich sehr zufrieden mit dieser Entscheidung ihres Schloß und Gerichtsherren, so daß die Kirchweih zum festen Bestandteil des Jahresablaufes wurde.

Die Kirchweih heute
Die Neunhöfer Kirchweih beginnt schon lange vor dem Festwochenende, dem zweiten im September. Bereits zu Anfang eines Jahres treffen sich die Burschen des Obern und des Unterndorfes, selbstverständlich streng getrennt, zu ersten Kirchweihversammlungen. Monate vor dem eigentlichen Ereignis fiebert man in diesen Sitzungen dem Höhepunkt des Jahres entgegen und plant, organisiert und übt sich auch schon ein wenig im feiern. Mittelpunkt all dieser Vorbereitungen ist der große Festumzug am Kirchweihsonntag.
Am Kärwafreitag . Während das Unterndorf sich in einer fast geschlossenem Gesellschaft im Alten Forsthaus trifft und zur Ziehharmonika Kirchweihlieder erklingen läßt, startet das Oberndorf munter und nach alter oberndörfler Tradition mit dem Bieranstich im Festzelt. Alles was Rang und Namen hat oder ein guter Freund der Obern ist und zudem zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz ist, kann die Ehre auferlegt bekommen, das Faß mit einem großen Hammer anzustechen. Zu späterer Stunde füllt sich das Zelt zusehends mit abgearbeitete Burschen und Ehemalige, die bis in die späte Nacht letzte Hand an die Umzugswagen vom Sonntag angelegt haben.
Der Samstag steht ganz im Zeichen des Kirchweihbaumes. Ursprünglich wurden diese Bäume einmal aus dem Schloßwald, einem Besitztum des Schlosses Neunhof, geholt. Der Ehrgeiz der Neunhöfer Burschen nach immer höheren und geraderen Bäumen konnte dieses Waldgrundstück jedoch bald nicht mehr befriedigen, so daß nun nach passenden, 25 bis 30 Meter hohen Bäumen im gesamten näheren Reichswald gesucht wird. Gegen Mittag fahren die Burschen in den Wald, um ihre Bäume mit geschmückten Pferdefuhrwerken ins Dorf zu holen. Nacheinander marschieren die Oberen und Unteren Kirchweihburschen hüpfend und unter Marschklängen mit ihrem Baum ins Dorf ein. Für die Burschen ist dies ein Moment äußerster Spannung. Beide Parteien treffen vor dem Alten Forsthausgetrennt durch einen noch auf dem Wagen liegenden Kirchweihbaum aufeinander und messen sich in einem Singwettkampf. Dieses Wettsingen hat nun wenig mit dem zusammentreffen der Nürnberger Meistersinger des Mittelalter zu tun. Es geht weder um einen Wohlklang der Stimme, noch um ein besonders aussagekräftiges Lied. Es geht allein um die Lautstärke. Beide Gruppen singen gleichzeitig Kirchweihlieder und versuchen die jeweils andere Partei zu übertönen. Während der von den Musikkapellen gespielten Refrains schwenken die Burschen ihre mit bunten Bändern geschmückten Hüte. Während dieses Wettstreites wird übrigens nie ein Gewinner ermittelt. Am Ende singen alle Burschen einträchtig ein Lied, um zu zeigen, daß sie halt doch alle Neunhöfer sind. Nach diesem lauten und farbenfrohen Spektakel werden beide Bäume noch einmal durch das Dorf gezogen. Danach werden sie an ihren Stellplätzen, vor dem Festzelt und vor dem Alten Forsthaus, aufgestellt. Bei Jubiläumskirchweihen, wie der heurigen 175 jährigen, wird ein dritter Baum aufgestellt. Dieser wird von ehemali-gen Burschen des Obern und Unterndorfes in das Dorf gebracht. Dann haben die Alten die Chance den Jungen zu zeigen, wie ein Baum richtig aufgestellt wird. Jeder wird zweifelsohne erkennen, daß es sich dabei um eine besondere Wissenschaft handelt. Die stehenden Bäume werden am Samstagabend selbstverständlich kräftig gefeiert. Sowohl im Zelt als auch im Forsthaus herrscht eine ausgelassene Stimmung. Aus diesem fröhlichen Beisammensein verabschieden sich, meistens dann wenn es gerade am schönsten ist, die drei Platzgesellen der beiden Dorfhälften mit ihren Mädchen, um bei der Erbengemeinschaft des Schlosses ihren Besuch abzustatten. Durch dunkle Höfe und Mauern und über Gräben hinweg begeben sie sich in das Neunhöfer Schloß, um nach alter Tradition dort von den derzeitigen Besitzern mit Wein bewirtet zu werden. Obwohl dies ein krasser Gegensatz zum Treiben im Wirtshaus und Zelt ist, scheint es den Burschen und Mädels zu gefallen, was an der Aufenthaltsdauer festzustellen ist. Bevor die jungen Leute jedoch wieder ins Dorf entlassen werden, wird im inneren Schloßhof die Kirchweih vergraben. Es handelt sich um den erwähnten Tonkrug, der vor Jahrhunderten im rheinischen einst ein Pferdeschädel war. Anstatt ein ganzes Jahr bleibt dieser Krug eine Nacht vergraben.
Am Sonntagmorgen herrscht in Neunhof ein geschäftiges Treiben. Die Wagen des Kirchweihumzuges werden endgültig fertiggestellt. In großer Hast sieht man Traktoren und Radfahrer durch das Dorf eilen; überall gibt es noch etwas zu besorgen, anzustreichen, zu hämmern und zu werkeln. Was der Kirchweihumzug zeigt, ist ein Sinnbild von Höchstleistung in Fantasie, Kreativität und handwerklicher Kunst. Auf einer großen Anzahl von Wagen werden verschiedene Motive zur Schau gestellt und Szenen des alltäglichen und besonders des politischen Lebens karikiert. Prächtige von Pferden gezogene Blumen und Musikwagen bilden einen Höhepunkt des Umzuges. Mit besonderer Spannung werden aber die Nummern erwartet, die Ereignisse des vergangenen Jahres, sportliche Glanzleistungen oder Geschehnisse in der Medienwelt persiflieren. Phantasie, Liebe zum Detail und eine gehörige Portion schauspielerisches Talent gehören dazu, um Projekte wie eine Schießbude mit lebenden Figuren oder eine Augsburger Puppenkiste mit menschlichen Marionetten zu realisieren. Kurz vor dem am frühen Nachmittag stattfindenden Umzug wird der Brauchtum des Kirchweihausgrabens gepflegt. Mit Musik ziehen die beiden Kirchweihgruppen in den inneren Schloßhof ein, wo sie den am Abend zuvor vergrabenen Tonkrug wieder ausgraben, die Schloßherrschaft hochleben lassen und den Krug auf den Pflastersteinen zerschlagen. Die Scherben sollen Glück für das nächste Jahr bringen.
Der Montag ist traditioneller Höhepunkt der Kirchweih. Bis heute ist er für die Dorfbewohner der eigentliche Festtag von Neunhof. Er wird mit einer besonders ausgelassenen Stimmung begangen, da der noch am Vortag auf den Schultern lastende Druck über das Gelingen des Umzuges genommen ist. In aller Herrgottsfrühe ziehen die Burschen zum Wecken mit einem Musikwagen durchs Dorf. Da nach mehreren anstrengenden und sangesfrohen Kirchweihtagen die Stimmbänder an diesem Montag bei den meisten Aktiven versagen, übernimmt oft ein ehemaliger Kirchweihbursch das Singen der Kirchweihlieder. Als Vorgeschmack auf dem am Nachmittag stattfindenden Betzentanz wird anschließend eine Gans ausgetanzt. Mitmachen darf jeder und so kommt es ab und an vor, daß sich auch politische Prominenz unter den Tanzpaaren findet. Der Gewinner der Gans wird übrigens nicht durch den Tanz, sondern durch das Los entschieden. Dem glücklichen Sieger wird gratuliert und die Dorfhälfte in der er gewonnen hat findet sich kurz darauf bei ihm ein, um sich mit einem morgendlichen Trunk zu stärken. Nahtlos schließt sich der Frühschoppen an. In den beiden Kirchweihlokalen läßt man es sich gut gehen und genießt dazu besonders gerne die sauren Zipfel, jene im Essig gekochten Bratwürste, die einen jeden Kater vergessen lassen. Untermalt wird der Frühschoppen selbstverständlich von Blasmusik, aber auch das Vortragen von Witzen und Kirchweihliedern der besonderen Art. Alles natürlich weit über der Gürtellinie, sofern man den Gürtel kurz über dem Fußknöchel trägt. Zum frühen Nachmittag hin, löst sich der Frühschoppen auf und die Vorbereitungen auf den Betzentanz beginnen. Die Platzgesellen tragen die Neunhöfer Tracht mit schwarzen Kniebundhosen, roten Westen und blumenbeschmückten Dreispitz. Die anderen Kirchweihburschen entfernen ihre blauweißen oder roten Federn von den Hüten, die sie zuvor als Obern oder Unterndörfler gekennzeichnet haben und schmücken diese gleichfalls mit Blumen. Die Mädchen ziehen sich ebenfalls die Neunhöfer Tracht an. Die Madeln der Platzgesellen vervollständigen diese mit der schwarzen Bänderhaube. Beide Kirchweihgruppen ziehen durch das Dorf und holen die Mädchen mit Musik ab. Der erste Platzgeselle hat das Vergnügen mit jedem der Mädchen ein kurzes Tänzchen zu wagen, bevor er es ihrem Burschen übergibt und sich beide in den Zug einreihen. Die Oberen haben, bevor sie sich zum Einsammeln ihrer Madeln begeben den Betzen im Schloßhof abgeholt. Die Untern holen ihren Betzen nach der Dorfrunde ab. Mit dem geschmückten Betzen voran, formieren sich nun die Züge zu den jeweiligen Kirchweihbäumen, wo der eigentliche Betzentanz stattfindet. Um den Baum herum stellen sich die Paare in einem Kreis auf. Sie umrunden den Baum schreitend oder tanzend, wobei nacheinander jeder Bursche ein Kirchweihlied singt. Gleichzeitig wird eine Rute, ein geschmückter Birkenast, herumgereicht. Jedes Paar muß diese Rute einmal um den gesamten Baum herumtragen, bevor es diese einem unparteiischen Schiedsrichter gibt, der denselben an das nächste Paar weiterreicht. Dieser Vorgang wird solange wiederholt, bis ein zuvor gestellter Wecker rasselt, der das Ende des Tanzes bekanntgibt. Dasjenige Paar, welches in diesem Moment die Rute in der Hand hält, wird zum Sieger erkoren. Zu Jubiläumskirchweihen alle 25 Jahre wird auch ein Kalb ausgetanzt. Dazu versammeln sich beide Gesellschaften im Schloßpark, wo die aktiven Burschen und Madeln das Kalb austanzen. Im ersten Stock des Neunhöfer Schlosses hat sich mittlerweile die geladenen Gäste der Erbengemeinschaft versammelt. Gemeinsam ziehen beide Dorfhälften mit ihren Gewinnern in den Schloßhof ein. Die Gewinner und Platzgesellen sind in die Innenräume des Schlosses geladen. Anschließend wird aus dem Schloß die Rede des Bevollmächtigten der Erbengemeinschaft gehalten. Inhalte sind die Verkündigung der Gewinner des Betzentanzes, ein Rückblick auf das Fest und ein Bericht über Schloß und Dorf im vergangenen Jahr. Oft folgt dann in Vertretung der Bayrischen Staatsregierung ein Grußwort des Staatsministers des Innern und abschließend richtet der Oberbürgermeisters der Stadt Nürnberg oder sein Vertreter einige Worte an das Dorf. Zum Abschluß singen die beiden ersten Platzgesellen der Obern und Untern einige Kirchweihlieder aus den Fenstern des Schlosses. Die Gesellschaft im Schloßhof löst sich bald auf, um mit den Gewinnern und den übrigen Einwohnern in die Feststätten das Fest ausklingen zu lassen. Im Alten Forsthaus spielt die Musik zum Tanz auf.
Wer jedoch glaubt, daß mit dem Montag die Kirchweih schon beendet ist, täuscht sich sehr. Schon am Mittwochabend trifft sich Alles wieder im Alten Forsthaus. Dort wird die Kirchweih offiziell mit einem Tanzabend verabschiedet, bzw. begraben. Zu später Stunde wird, von einem als Pfarrer verkleideten Neunhöfer, angeführt, ein Pappsarg in den Festsaal hineingetragen, der die Kirchweih symbolisiert. Es folgt eine Trauerrede, in der das vergangene Wochenende noch einmal humoristisch aufgearbeitet wird. Im späteren Herbst folgen für jede Dorfhälfte zwei Feiern, die im direkten Zusammenhang zur Kirchweih stehen. Es ist dies der Geschlossene, ein Abend mit Tanz, der von den Kirchweihburschen ausgerichtet wird, und das Betzenessen, das zu Ehren des Betzengewinners gehalten wird. Wenn man bedenkt, daß zu Beginn des Jahres schon wieder Sitzungen stattfinden, in denen die nächste Kirchweih geplant wird, so wird man den Verdacht nicht los, daß in Neunhof ganzjährig Kirchweihzeit ist. Was ist der besondere Reiz dieser Neunhöfer Kirchweih? Warum ist sie im Nürnberger Umland über die Maßen bekannt und beliebt? Wesentlich scheint die bis heute erhalten geblieben Struktur eines fränkischen Dorfes. Traditionen sind bis heute lebendig und haben die Zeiten mit Anpassungen überdauert. Zahlreiche Vereine schauen auf eine langjährige Geschichte zurück und festigen den Zusammenhalt der Dorfbevölkerung. Besonders der Trachtenverein hat sich um die Brauchtumspflege besonders verdient gemacht. Ohne ihn und die von ihm gepflegten Trachten wäre der Montag längst nicht so schön und farbenfroh. Es ist in diesem Dorf eine Selbstverständlichkeit, daß das Brauchtum nicht nur überliefert, sondern auch gelebt wird. Die Kirchweih ist ein generationsübergreifendes Fest, dessen Gelingen von der Zusammenarbeit aller abhängt und deshalb einen starken Zusammenhalt im Dorf schafft. Die Teilung des Dorfes in zwei Kirchweihgruppen ist ein weiterer Garant für den Erfolg des Festes. Konkurrenz belebt das Geschäft und Globalisierung ist für die Neunhöfer diesbezüglich nicht erwünscht. Zuletzt sei erwähnt welche Freude trotz aller Anstrengungen bis heute den Erben des Schlosses die Aufrechterhaltung dieser Tradition bereitet. Die intakten Strukturen und die vielen Generationswechsel auf beiden Seiten, Dorf und Schloß, habe nicht zu einer Entfremdung sondern zu einer heute vielleicht einmaligen Einheit geführt. Die Stiftung des Freiherren Kress ist hat sich als zukunftsweisend herausgestellt. 175 Jahre Neunhöfer Kirchweih sind Anlaß nicht nur zurück sondern auch in die Zukunft zu schauen. Wir freuen uns auf die Fortsetzung der Traditionen, der Veränderungen im Dorf und das Leben in Neunhof im 21. Jahrhundert.
Für die Erbengemeinschaft von Schloß Neunhof

Hans-Heiner Seiler